Atelier für Ausdrucksmalen, Carola Lampe Malleiterin für Ausdrucksmalen, Dresden Sachsen

Die Kraft des Malens

Seit meiner Kindheit in den Zeiten der Ferien bei meiner Großmutter hatte ich nicht mehr wirklich gemalt. Damals war es noch Malen, denn meine Bilder flossen nur so aus mir heraus und meine Großmutter heftete sie jedes Mal voller Freude an ihre Küchenwand. Und so fühlte ich mich sehr bestärkt und es entwickelte sich ein regelrechtes Wettmalen mit meiner Cousine, die oft mit mir zusammen die Ferienzeit bei meiner Großmutter verbrachte. Wir hatten es geliebt und erinnern uns noch heute gern daran.

Als ich im Frühjahr 2005 nach mehr als 40 Jahren das erste Mal im Atelier für Ausdrucksmalen bei Michael Podszun stand, wußte ich noch nicht, was alles auf mich zukommt, mir begegnen würde.

Ich befand mich damals privat und beruflich am kompletten Wendepunkt meines Lebens. So stand ich vor der großen Malwand und die Gefühle purzelten nur so aus mir heraus. Alles auf einmal – freudig begeistert, unendlich traurig, mutig, ängstlich, sanft, kraftvoll, sinnlich berührt … – Im Kontakt mit der Vielfalt an Farben und Formen fühlte ich mich wohl. Beglückt und irgendwie gefunden. So, als ob ich endlich angekommen sei. Das war ein unglaubliches Geschenk für mich.

Von Anfang an beeindruckte mich die fast unmerkliche wohltuende Unterstützung beim Tun durch den Malleiter/Malbegleiter. Eine Form, die ich so bisher noch nie erfahren hatte und die meinem Bedürfnis nach freiem schöpferischen Tun und Selbstbestimmung vollkommen entsprach. Es faszinierte mich, wie sanft, liebevoll und damit auch ganz leicht alles geschehen durfte. So, wie es sich gerade für jeden Einzelnen gut anfühlte. Es musste ein enormer Erfahrungsschatz dahinter stehen, um so vorgehen zu können, dachte ich mir. Kann ich das vielleicht auch?

Der Wunsch, tiefer einzutauchen, ließ mich nicht mehr los. Ich entschied mich für die Ausbildung zur Malleiterin für Ausdrucksmalen bei Laurence Fotheringham am Odenwald-Institut. Eine Ausbildung, die die Selbsterfahrung beim Malen zum Schwerpunkt setzte. Und so lernte ich diesmal ganz bewusst an mir selbst, was es braucht beim Begleiten, um achtsam und unterstützend die Potentiale eines Jeden erscheinen und blühen zu lassen. Etwas, dass ganz selbstverständlich schon angelegt war und durch mein späteres vollgepacktes Alltagsdasein irgendwie in Vergessenheit geraten war.

Ich lernte über das Malen innere Balance zu erfahren und immer wieder aufzubauen - sein zu können, wie ich bin, anzunehmen was ist und entstehen zu lassen, was da noch sein möchte in meinem ganz eigenen Tempo. Ich sage dazu auch gern - es ist ein Weg zur Mitte oder auch der leeren Hand, wie man im Zen so schön sagen würde.

Meine Neugier, mein Forscherdrang, meine Experimentierfreude, das Ausloten von Erscheinungsformen und Gefühlen, haben meine Wahrnehmungsfähigkeit und Geduld bis zum Zerreißen auf die Probe gestellt. Was für ein großartiges Lernfeld. Ich kenne nichts Schöneres, über die Gefühlsebene bei sich anzukommen, den Glücksmoment zu spüren, wenn ein Bild sich schlüssig zeigt und jedes weitere Tun sich erübrigt. Satt, rund, vollendet, in diesem Augenblick.

Es schenkt mir Kraft und Vertrauen für menschliches Sein. Ich bin zutiefst dankbar für dieses Erleben und ebenso glücklich, durch mich erfahren zu haben, dass ich es anderen Menschen weitergeben kann und liebend gern tue.

Carola Lampe